Die Umwandlung einer orthopädietechnischen Werkstatt in eine orthopädische Praxis auf einer Krankenhausetage der Raffaelsklinik Münster zeigt, wie eine prägnante Bestandsstruktur in ein
zeitgemäßes, prozessorientiertes Raumkonzept übersetzt werden kann. Auf rund 200 Quadratmetern entsteht eine klar organisierte Praxislandschaft, die den linearen Flurtypus des historischen
Barbaraflügels neu interpretiert und für den ambulanten Betrieb nutzbar macht.
Die Praxis liegt im ersten Obergeschoss des Barbaraflügels der Raffaelsklinik und ist unmittelbar über das bestehende Kliniktreppenhaus sowie den Aufzug erreichbar. Diese direkte Anbindung
ermöglicht kurze Wege für Patienten und Personal und bindet die Praxis selbstverständlich in die Abläufe des Klinikalltags ein, ohne selbst wie ein klassischer Stationstrakt zu wirken.
Die konstruktive Berücksichtigung der tragenden Mittelflurwände des ehemaligen Nonnentraktes, aus dem einst die Zimmer der Nonnen links und rechts erschlossen wurden, bleiben als statisch
prägende Elemente erhalten und bilden das robuste räumliche Rückgrat des Entwurfs. Bereits bei früheren Umbauten geschaffene große Wandöffnungen wurden statisch ertüchtigt und nun gezielt
genutzt, um zusammenhängende Praxiszonen und visuelle Bezüge über die Flurachsen hinweg zu ermöglichen.
Aus der früheren Flurzone entstand ein Mitteltrakt, der als funktionale Kernzone der Praxis dient und von zwei parallel geführten Flurachsen flankiert wird, wodurch flüssige Rundläufe für
Personal und Patienten ermöglicht werden. Der Mitteltrakt nimmt hinter der Rezeption den transparent abgetrennten Backofficebereich, einen zweiten Wartebereich, einen abgetrennten Abstellraum
sowie das Personal-WC mit Dusche auf und bleibt in Teilbereichen von beiden Flurseiten aus begehbar.
Im vorderen Praxisbereich formuliert ein verglaster, semitransparenter Aufnahmeraum den Auftakt der Patientenreise und erlaubt geschützte Anamnese- und Vorgesprächssituationen bei gleichzeitigem
Sichtbezug zum Empfang. Über ein Oberlicht erhält dieser Raum Tageslicht aus dem fünften Behandlungsraum, sodass trotz fensterloser Lage im Grundriss eine helle, freundliche Atmosphäre
entsteht.
Der Hauptwartebereich schließt sich offen und fließend an den Empfang an, wodurch der Eingangsbereich als zusammenhängende Aufenthaltszone wahrgenommen wird und Tageslicht tief in die Praxis
eindringen kann. Ergänzend dazu ist im Mitteltrakt ein zweiter Wartebereich mit zwei gegenüberliegenden 2-Sitzern angeordnet, deren Maßstäblichkeit und Positionierung an die Atmosphäre eines
Zugabteils erinnern und eine Aufenthaltsqualität einer kurzen Wartezeit erzeugt.
Ausgehend von den beiden Flurachsen werden insgesamt fünf Behandlungsräume erschlossen, die funktional klar zoniert sind und von den ringförmigen Laufwegen profitieren, sodass sich kreuzungsfreie
Abläufe und kurze Wege zwischen Rezeption, Lager, Wartezonen und Behandlung ergeben. Die Praxis interpretiert damit den Bestand des Barbaraflügels neu: aus einem ehemaligen Nonnenflur und einer
Orthopädiewerkstatt wird eine zeitgemäße orthopädische Praxis, in der tragende Wände, Lichtführung und Organisation des Klinikbetriebs zu einer eigenständigen räumlichen Identität
verschmelzen.
